Beratung oder Coaching:
Achtsamkeit — die Büchse der Pandora vorsichtig öffnen

Indem die Fähigkeit wächst, zunächst zu beobachten und zu erleben ohne sich einzumischen, wachsen noch andere Fähigkeiten: Einerseits das Leben so zu sehen wie es ist und nicht, wie ich es haben möchte (das erzeugt nun mal andauernden Widerstand und der braucht Kraft). Andererseits Mitgefühl, ein natürliches Gefühl oder eine Haltung, die genetisch bei den meisten Menschen vor-eingestellt ist. Mitgefühl oder nichtegostützende Empathie entsteht erst, wenn wir das Leben so nehmen, wie es ist.

Wir können kein Mitgefühl mit Menschen oder anderen Wesen entwickeln, wenn die Begegnungen mit ihnen durch die Verstrickung mit Stolz oder Überheblichkeit und Ärger oder Wut getrübt sind: das ist unmöglich. Mitgefühl wächst in dem Maß, wie wir zu einem Größeren, Umfassenderen werden. In dem Prozess des Coaching (nicht nur mit Achtsam-keitselementen) erleben wir einschneidende Veränderungen unseres Lebens. Es ist nicht mehr das, was es bisher war; dieser Prozess geht bei jedem Menschen anders vor sich.

Je nach der persönlichen Konditionierung und Geschichte können es minimale und fast unbemerkte Veränderungen sein. Bei anderen geschehen sie in Wellen, in starken emotionalen Wellen. Es ist, als bräche ein Damm oder eine Wand würde einstürzen.
Manche fürchten, überflutet, überwältigt zu werden, es ist, als hätten sie einen Teil des Ozeans eingedämmt, und wenn sich der Damm öffnet oder eine Öffnung in der Wand entsteht, werden sie vom Wasser überflutet. So ist es nie, es fließt dorthin zurück,
wo es hingehört. Das ist eine Erleichterung, denn nun kann es sich mit dem inneren
Ozeans vereinigen und fließen.

Dennoch ist hier Vorsicht angebracht, damit der Prozess nicht zu schnell vor sich geht.
Geht er zu schnell vor sich, sollte man ihn behutsam bremsen. Wenn man weinen muss, zittern muss, schreien muss, Erregung verspürt, sind das keine unerwünschten Erschei-nungen. Denn: Der Damm beginnt allmählich zu brechen, die Wand wird dünner. Es ist gut, den Damm langsam zusammenbrechen zu lassen.

Wir sind nun mal nicht alle gleich; denn je repressiver und schwieriger die Kindheit war, desto wichtiger ist es, dass der Damm nicht zu schnell bricht oder eine schützende Wand sich langsam zurückzieht.
Manchmal geschieht es auch mal ganz schnell, auch ist auch das in Ordnung —
nur sollte das keine Bedingung für eine Weiterentwicklung oder Veränderung sein.


So glatt unser bisheriges Leben auch verlaufen sein mag, es gibt vielleicht immer einen Damm, der zu einem  bestimmten  Zeitpunkt brechen muss oder aufgeweicht werden darf.

Vergessen wir auch nicht, dass eine gute Prise Humor angesichts all dessen nicht das Schlechteste ist. Auch Paradoxien und Übertreibungen tun es. Im Grunde werden wir ja
doch kaum alles los. Wir müssen nicht all unsere überlebenssichernden, skurrilen Tendenzen, schon gar nicht mit einmal, abschaffen. Denn gibt es auch praktische und liebenswerte Neigungen.

Durch beobachtende Achtsamkeit können wir beginnen einzusehen, wie merkwürdig
komisch sie sind, dass sie ohne Abwertung einen Teil der zu belächelnden Seite des Lebens ausmachen. Und daraus kann sich ein Vergnügen entwickeln, mit anderen  Menschen zusammenzuleben. Denn alle sind auf ihre einmalige, wunderbare Weise mehr oder weniger verrückt, seltsam, ulkig. Und auch du bist es, oder?

Ich bin natürlich gar nicht verrückt — schließlich bin ich ja hier der Autor oder der Dozent oder der Therapeut.